Unsere Wildtiere: Der Dachs

Sein wissenschaftlicher Name lautet meles meles, und in der Fabel heißt er Grimbart: Der Dachs oder, genauer: Der Europäische Dachs. Er ist bei uns wieder zu einem häufigen Tier geworden und zum Glück auch nicht bedroht.

Ein ganz typisches Tier unserer Wälder, auch wenn man ihn nicht so leicht zu sehen bekommt: Der Dachs.

Ein nachtaktiver Geselle

Während aufmerksame Spaziergänger Rehe und Hasen, ja sogar Fuchs und Wildschwein immer einmal wieder zu Gesicht bekommen, haben nur relativ wenig Leute jemals einen Dachs in freier Wildbahn gesehen. Das liegt ganz einfach daran, dass unser größter Marderartige nachtaktiv ist. 

In aller Regel verlässt er seinen Bau erst spät abends und kommt daher praktisch nur Jägern und ambitionierten Tierbeobachtern unter die Augen. Wenn der Winter so streng ist, dass der Fuchs seine Raubzüge bis in den hellen Vormittag hinein ausdehnen muss, bleibt der Dachs ganz zu Hause. Daher verrät er sich, anders als andere Marder und der Fuchs, auch kaum durch seine Spuren im Schnee. 

Winterruhe und Nahrungsspektrum 

Meister Grimbart hält nämlich eine Winterruhe. Die ist flexibler als der Winterschlaf, die Vitalfunktionen werden dabei wesentlich weniger zurückgefahren; so kann sie bei günstigem Wetter ohne weiteres unterbrochen werden. In sehr milden Wintern kann sie auch durchaus einmal ganz ausfallen. Dahinter steckt wohl die Strategie, auch während des Winters die Perioden zu nutzen, die sich vom Wetter her zur Nahrungssuche eignen. 

Obwohl er viel gedrungener gebaut ist als seine Verwandten, gehört der Dachs zu den Mardern.

So kann das Tier mehr Energie aufnehmen als ein richtiger Winterschläfer, der allerdings andererseits wesentlich mehr Energie einspart als der Dachs mit seiner Winterruhe. Offensichtlich funktionieren beide Methoden sehr gut, denn der Erfolg gibt sowohl dem Dachs als auch Winterschläfern wie dem Bär und dem Murmel recht. 

Wenn der Dachs auch ein Marder ist und sein Gebiss ihn als Mitglied der Ordnung der Carnivora, der Raubtiere also, ausweist, ist er doch ein Allesfresser. Er jagt praktisch gar nicht, sondern sammelt sich seine Nahrung gemächlich. Er frisst zwar viel (ca. 75%) pflanzliches, verschmäht aber tierische Nahrung keineswegs: Würmer, Schnecken und Mäuse stehen genauso auf seiner Speisekarte wie die Brut von Bodenbrütern und junge Hasen. 

Insgesamt kann man das Nahrungsspektrum des Dachses durchaus mit dem des Wildschweins vergleichen. Auch die Art der Nahrungssuche ist bei den beiden ganz unterschiedlichen Tierarten ähnlich. Daher versuchen ab und zu knitze Jäger, einen Schwarzwildschaden dem Dachs in die Schuhe zu schieben, denn ein Schaden, der von diesem angerichtet wurde, ist in der Regel nicht ersatzpflichtig. 

Allerdings kann man bei genauem Hinsehen leicht feststellen, was Sache ist: Meister Grimbart kann schon einmal nie im Leben so große Schäden anrichten wie die Schwarzkittel. Außerdem unterscheiden sich die Fährten bzw. Spuren beider Wildarten erheblich und auch die hinterlassene Losung (der Kot) ist eine eindeutige Visitenkarte der jeweiligen Wildart. 

Verbreitung und Lebensraum 

Der europäische Dachs ist ein typisches Tier der gemäßigten Zonen, wobei er mit seiner Möglichkeit zur Winterruhe dem Nahrungsengpass der kalten Jahreszeit angepasst ist. Sein Verbreitungsgebiet lässt sich im wesentlichen mit den gemäßigten Zonen von Europa und Asien umschreiben, wobei er auf der einen oder anderen Insel, wie z.B Korsika und Sardinien fehlt. 

Der Dachs ist weit verbreitet.

Sein typischer Lebensraum ist der Wald. Selten trifft man in Städten an, wenn dann am ehesten noch in Parks. 

Körperbau

Beim Dachs fällt bei genauerem Hinsehen vor allem auch auf, dass er zu den wenigen Säugetieren gehört, die auf der Unterseite dunkler, in diesem Falle schwarz gefärbt sind als auf der Oberseite. Die ist bei Grimbart silbrig-grau; besonders auffällig sind die schwarzen Streifen, die auf beiden Seiten in Höhe der Augen der Länge nach über den ansonsten weißen Kopf gehen. 

Ein Körperbau ist massig, wobei seine Läufe recht kurz sind. Die Vorderbranten sind groß, breit und eignen sich gut zum Graben. Ein ausgewachsener Dachs erreicht eine Körperlänge von ca. 90 cm und wird bis zu 15, teilweise auch 20 kg schwer. Die Rüden sind etwas stärker als die Fähen. 

Eine Besonderheit des Dachses ist der Knochenkamm, der im hinteren Bereich auf dem Schädel sitzt. Er dient als Ansatz für die starken Kiefermuskeln. Sein Kiefergelenk ist so konstruiert, dass es auch ohne Muskeln in der Pfanne hält, also der Unterkiefer auch am skelettierten Schädel noch fest angelenkt ist und sich nur mit Gewalt abnehmen lässt. 

Diese Bauweise ermöglicht in Verbindung mit den entsprechend starken Kiefermuskeln die enorme Beißkraft des Dachses. Der ansonsten gemütliche Geselle kann sich damit effektiv seiner Schwarte wehren, sollte er einmal angegriffen werden. Man sagt auch, das die schwarz-weiße Gesichtsfärbung von Meister Grimbart als Signal diene, dass man sich mit dem Besitzer eines derartigen Gebisses besser nicht anlegen sollte. 

In der Tat ist der Dachs auch ein gefährlicher Gegner für Bodenhunde. Vernünftige Baujäger versuchen daher, Konfrontationen ihrer Hunde mit Dachsen nach Möglichkeit aus dem Weg gehen und sie nicht in Baue einschliefen zu lassen, in denen Dachse stecken können. 

Die Vorderbranten des Dachses sind stark ausgebildet, breit und mit kräftigen Klauen versehen. Das macht sie zu effektiven Grabwerkzeugen, die Meister Grimbart als fleißiger Tunnelbaumeister auch braucht. 

Wie andere Marder auch, besitzt der Dachs eine Duftdrüse, die zwischen Waidloch und Pürzel sitzt. Man nennt sie Stinkloch, Schmalzröhre oder Saugloch. Früher dachte man, dass Meister Grimbart sich hier das eigene Fett absaugen und sich im Winter davon ernähren würde. Tatsächlich dient sie jedoch den sozialen Kontakten durch olfaktorische (geruchliche) Verständigung. 

Lebensweise und Fortpflanzung 

Außerhalb des Baues gehen Dachse in aller Regel alleine ihrer Wege. Daher hielt man Meister Grimbart lange Zeit für einen brummigen Einzelgänger. Mittlerweile hat man jedoch herausgefunden, dass er das überhaupt nicht ist. In seinem Bau pflegt er nämlich ein ausgesprochen geselliges Familien- und Sippenleben. 

Der Bau ist gewissermaßen der Lebensmittelpunkt des Dachses. Anders als der Fuchs, hält er sich viel im Bau auf und ist auch der fleißigere Baumeister. Der Fuchs gräbt nämlich gar nicht so gerne selbst, sondern bezieht nach Möglichkeit bereits vorhandene Wohngelegenheiten. Sehr gerne zieht er auch beim Dachs ein, der ihn in nicht mehr von ihm selbst benutzten Teilen seiner Burg durchaus duldet. 

Weibliche Dachse bleiben gerne zuhause wohnen, wodurch die Sippschaften entstehen. Es gibt ein dominantes Paar, also gewissermaßen einen Clanchef und eine Clanchefin. Das Paar bleibt lebenslang zusammen, wobei der Boss aber auch die rangniedrigeren Fähen nicht verschmäht. Die jungen Rüden wandern hingegen ab. 

Wenn man den Dachs außerhalb seines Baues antrifft, ist er in aller Regel alleine. Deswegen wusste man auch lange nicht, dass er in Wirklichkeit ein sehr geselliges Tier ist.

Der Zuwachs, den so ein Dachs-Clan erhält, erfordert es, dass die Burg immer wieder erweitert wird. Die benutzten Teile werden tadellos in Schuss und sauber gehalten. Meister Grimbart polstert seine Kessel, die Wohnhöhlen, sorgsam mit geeignetem Material aus, vor allem für den Winter. Ist der überstanden, gibt es einen zünftigen Frühjahrsputz, bei dem das alte Polstermaterial hinaus geschafft wird. 

Meister Grimbart ist überhaupt ein reinliches Tier: Sein großes Geschäftchen macht er stets außerhalb des Baues; er gräbt dazu Löcher, die sogenannten Dachsaborte. An ihnen und an dem beim Putzen heraus geschafften Erdreich und altem Polstermaterial erkannt man, dass ein Bau vom Dachs bewohnt, oder, wie der Jäger sagt, befahren ist. 

Die Paarungszeit heißt beim Dachs, wie bei anderen Mardern auch, Ranz. Junge Fähen kommen im Juli oder August in die Ranz, ältere bereits im Frühling. Eine unterschiedlich lange Keimruhe sorgt dafür, dass die Welpen immer im Frühjahr zur Welt kommen. 

Beim Erwachsenwerden geht es der Dachs geruhsam an: Der Nachwuchs kommt blind zur Welt und wird lange gesäugt. Die Welpen sind zunächst ganz weiß und bleiben lange im Bau, bis Mami Dachs sie das erste Mal ausführt. Ein Wurf Dachswelpen besteht typischer Weise aus zwei Jungen, es können aber bis zu sechs sein, manchmal aber auch nur eines.

Dachs und Mensch 

Wohl weil man den Dachs selten zu sehen bekommt, ist er auch nicht so stark in der Sprache, in Redewendungen und in Geschichten präsent wie etwa Fuchs und Hase. Es gab die Redewendung, dass sich einer „wie der Dachs vom eigenen Fett nährt“ und den Ausdruck „Frechdachs“ hört man ab und zu. Warum ausgerechnet der Dachs besonders frech sein soll, verstehe ich allerdings nicht. Vielleicht hat der Ausdruck ja aber auch gar nichts mit dem Tier zu tun und ist eine Verballhornung von etwas ganz anderem. 

Jagdlich genutzt wird der Dachs heute kaum mehr. Er richtet auch selten wirkliche Schäden an, so dass man ihn in aller Regel auch gar nicht bejagen muss. Durch die unseligen Fuchsbaubegasungen der 60er und 70er Jahre des letzten Jahrhunderts war weniger der Fuchs als vielmehr der Dachs arg dezimiert worden. Zum Glück entging er der Ausrottung, vielleicht nur, weil seinerzeit Jäger erfolgreich gegen die Pflicht zur Baubegasung klagten und dieser Sauerei ein Ende machten. 

Das Wildbret des Dachses kann man durchaus essen, allerdings soll es etwas ungewöhnlich schmecken. Bei Ganghofer kann man lesen, dass die alpinen Berufsjäger seinerzeit Dachse schießen und behalten durften. Da diese Leute nicht besonders gut verdienten, war diese Sachleistung für sie offenbar eine Möglichkeit, den sonst kargen Speisezettel mit Fleisch aufzubessern. 

In China ist der Dachs eine Delikatesse. Auch hierzulande gibt es Leute, die Dachsbraten und Dachsschinken mögen. Weil der Dachs auch Fleisch frisst, muss sein Wildbret auf Trichinen untersucht werden bevor es zum Verzehr gelangt. 

Auch die Haare des Dachses werden genutzt. Gute Rasierpinsel werden aus Dachshaar gefertigt, und auch zu hochwertigen Pinseln für Kunstmaler kann man es gebrauchen. Der Bedarf an diesem Material wird aber aus China gedeckt, wo Dachse als Fleischlieferanten gezüchtet werden.

Volker Wollny

Erstellt am 01.04.2014
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